Wenn Segeln überhaupt keinen Spaß macht …

Wenn Segeln überhaupt keinen Spaß macht …

  • Beitrags-Kategorie:Karibik

„Samstag ist der ideale Segeltag“ sagt man uns wiederholt. „Der moderate Wind dreht bei mäßiger Welle auf OSO Ost-Süd-Ost und schiebt euch quasi von allein von Grenada Richtung Norden nach Martinique.“ Nach windtechnisch ruhigen Tagen an der Mooringboje neben Hog Island und entsprechenden Vorhersagen von Windy, Windfinder und Predict Wind sind diese Empfehlungen daher glaubwürdig – wir stechen am Morgen voller Vorfreude in See. Gegen alle Instinkte an Grenada Leeseitig vorbeizusegeln, folgen wir dem Routenvorschlag von Predict Wind auf die Luvseite von Grenada. Warum nicht, wenn doch alles so entspannt ist. Wir motoren aus der Fjord ähnlichen Landschaft im Süden Grenadas in der Erwartung schon in Kürze auf einer glatten See die Segel zu setzen. Aber …

Gegen Wind und Welle

Es kommt aber ganz anders. Schon als das Kommando „Anker auf“ ergeht, fängt es an zu regnen. „Wir warten die 10-15 Minuten bis der Squal vorbei ist und starten dann,“ sagt noch Brigitta. Es hört aber nicht auf, sodass wir trotz Regens den Anker aufnehmen und uns zwischen den anderen Mooring liegenden Schiffen aus der Bucht schlängeln. An der gesamten Süd- aber auch an der gesamten Ostküste Grenadas regnet es in Folge nonstop, der Wind kommt von NO Nord-Ost, sodass wir stundenlang gegen eine steile Welle anmotoren. MariaNoa kracht in die Wellen und noch mehr in die Wellentäler, das Wasser knallt wie Donnerschlag gegen das Schiff, die Rümpfe ächzen. Wir stehen patschnass am Steuerstand – der Berg mit nassen Klamotten wird immer größer. Erst an der Nordspitze Grenadas dreht der Wind so, dass wir Segel setzen können und die Motoren endlich schweigen.

Überläufer

Der Kurs führt uns zwischen Isle de Ronde und Les Tantes hindurch. Hier erfasst uns eine starke Bö. Aus 15 kn AWS apparant wind speed werden knapp 30 kn und wir müssen schlagartig ins zweite Reff. An alle Nicht-Katamaran-Segler: während ein Monohull auf Windstärkenänderungen reagiert und der Steuermann diese Reaktionen spürt, fühlt man beim Katamaran gar nichts. Ängstlich verfolgt man die Windanzeigen und sorgt sich, dass das Rigg der Belastung standhält. Wir lenken die 2. Reffleine um die manuelle Winsch auf die elektrische Winsch und produzieren prompt einen derartigen Überläufer, dass nichts mehr geht. Die Reffleine ist gespannt wie eine Geigensaite und geht nicht mehr vor noch zurück. Ich bin ziemlich ratlos, zumal MariaNoa immer weiter auf Les Tantes zu segelt. Die erste Idee das Großsegel / das Großfall über die mechanische Winsch so weit nach oben zu bringen, dass Entlastung auf der Reffleine entsteht, scheitert, da der Weg einfach zu lang ist. Das Manöver dauert nun schon seit ewig und wir nähern uns immer mehr der kleinen Insel. Hilflos versuche ich Plan B und ziehe mit der mechanischen Winsch die Leine aus dem Überläufer. Plötzlich löst sich die Wooling, das 2. Reff ist schnell eingebunden, der Kurs korrigiert und die Fahrt kann fortgesetzt werden – allerdings regnet es immer noch.

Carriacou

Nach ca. 8 Stunden werfen wir in der Tyrell Bay den Anker. Ich lasse sofort das Dingy zu Wasser und fahre zu den Customs um auszuklarieren. Die Mitarbeiter sind gewohnt entspannt und aus mitteleuropäischer Sicht uneffektiv, sodass die offiziellen Öffnungszeiten deutlich überschritten sind als ich das Clearancedokument in Händen halte. Ach übrigens: das Anglerglück war uns hold und wir haben einen Barracuda, einen Carrans Ruber und einen herrlichen Mahi Mahi geangelt. In Anbetracht der üppigen Ausbeute bleiben in Folge die Angeln ungenutzt und es gibt an fünf Tagen in Folge Fisch. Nach dem Ausklarieren will der Fisch filetiert werden und das dauert mangels Übung. Ein herrliches Abendessen und schon fallen wir erschöpft in unsere Kojen.

Regen, Regen, Regen

Vor uns liegt am nächsten Morgen ein 24-stündiger Törn, also ein Tag und eine Nacht. Nach einem leckeren Frühstück starten wir aus der Tyrell Bay und können schon gleich die Segel setzen. Westlich von Carriacou sind die Wellen wesentlich moderater – allein das Hauptproblem bleibt: es regnet und regnet und regnet. Es hat längst für karibische Verhältnisse abgekühlt, sodass wir Ölzeug tragen. Ölzeug?! Eigentlich wusste ich gar nicht mehr, wo das liegt. Eigentlich wollte ich es bei Gelegenheit zurück nach Deutschland nehmen. Wir haben das IPad im Salon aufgestellt und überwachen den Plotter von innen. Wer will auch schon nach draußen – da ist alles patschnass. Auch im Salon wird es immer nasser, da wir die Nässe mit hereintragen und wir ja nicht lüften können. Starke Windstärkenänderungen bedingen, dass wir ständig reffen und wieder ausreffen. Es ist zermürbend. Nein, das macht gar keinen Spaß.

Nachttörn

Es geht vorbei an Carriacou, Union Island, Mayreau, Bequia. Mit den herrlichsten Erinnerungen an sonnig karibische Tage und Wochen vor und an den herrlichsten Stränden, die man sich vorstellen kann. Es regnet und regnet und regnet. Als die Nacht auf der Höhe von St. Vincent hereinbricht, wird das Segeln nicht einfacher. Aber es hört endlich auf zu regnen – endlich. Leider dreht der Wind linksdrehend und wir können den Kurs auf Le Marin Martinique nicht halten. Als es hell wird sind wir ca. 20 nm südwestlich von der Einfahrt nach Le Marin entfernt. Es gibt nur zwei Alternativen: gegen ankreuzen, das dauert den ganzen Tag und wir kommen erst am Abend an oder Segel runter und ca. 4 Stunden direkt gegen den Wind motoren. Das macht keinen Spaß. Den ganzen Tag gegenankreuzen macht aber erst recht keinen Spaß. So wählen wir das kleinere Übel und gehen gegen Mittag in der Mangrovenbucht, in der wir nun schon wiederholt waren, vor Anker. Hier erreicht uns nach 2 ½ Tagen ohne Internet die Nachricht vom Einmarsch Putins in die Ukraine und seinen atomaren Androhungen. Panik!

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Carsten Westphal

    Hallo Brigitta und Hannes, est einmal herzlichen Dank für die tollen Videos und die vielen, vielen guten Infos darin. Bitte macht weiter so! Wo plant Ihr während der Hurricane-Season zu sein? Liebe Grüße Carsten

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